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Syndrome

Mensch-Umwelt-Wechselwirkungen sind hochkomplex. Zur Analyse von Auswirkungen bedarf es zum besseren Verständnis einer Aufschlüsselung in sog. Basisdynamiken, die für das Erdsystem Mensch-Umwelt typisch sind. Diese Basisdynamiken werden als Syndrome bezeichnet (nach Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung). Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globalen Umweltveränderungen charakterisiert die Syndrome als "Symptome des globalen Wandels" (WBGU 1997)

Eine Einteilung erfolgt in drei Syndromgruppen:

1. Syndromgruppe Nutzung

2. Syndromgruppe Entwicklung

3. Syndromgruppe Senken

Die Zuordnung der Basisdynamiken zu den Syndromgruppen:

Syndromgruppe „Nutzung"

1. Landwirtschaftliche Übernutzung marginaler Standorte: Sahel-Syndrom.

2. Raubbau an natürlichen Ökosystemen: Raubbau-Syndrom.

3. Umweltdegradation durch Preisgabe traditioneller Landnutzungsformen: Landflucht-Syndrom.

4. Nicht-nachhaltige industrielle Bewirtschaftung von Böden und Gewässern: Dust-bowl-Syndrom.

5. Umweltdegradation durch Abbau nicht-erneuerbarer Ressourcen: Katanga-Syndrom.

6. Erschließung und Schädigung von Naturräumen für Erholungszwecke: Massentourismus-Syndrom.

7. Umweltschädigungen durch militärische Nutzung: Verbrannte-Erde-Syndrom.

Syndromgruppe „Entwicklung"

8. Umweltschädigung durch fehlgeleitete oder gescheiterte, zentral geplante Großprojekte: Aralsee-Syndrom.

9. Umwelt- und Entwicklungsprobleme durch Transfer standortfremder landwirtschaftlicher Produktionsmethoden: Grüne-Revolution-Syndrom.

10. Vernachlässigung ökologischer Standards im Zuge hochdynamischen Wirtschaftswachstums: Kleine-Tiger-Syndrom.

11. Umweltdegradation durch ungeregelte Urbanisierung: Favela-Syndrom.

12. Landschaftsschädigung durch geplante Expansion von Stadt- und Infrastrukturen: Suburbia-Syndrom.

13. Singuläre, anthropogene Umweltkatastrophen mit längerfristigen Auswirkungen: Havarie-Syndrom.

Syndromgruppe „Senken"

14. Umweltdegradation durch weiträumige diffuse Verteilung von meist langlebigen Wirkstoffen: Hoher-Schornstein-Syndrom.

15. Umweltverbrauch durch geregelte und ungeregelte Deponierung zivilisatorischer Abfälle: Müllkippen-Syndrom.

16. Lokale Kontamination von Umweltschutzgütern an vorwiegend industriellen Standorten: Altlasten-Syndrom.

 

Die aufgeführten Syndrome oder Basisdynamiken des Mensch-Umwelt-Systems können als Ursachen zur Entstehung von Wasserkonflikten auftreten.

 

Kurzbeschreibung der Syndrome

 

Sahel-Syndrom

"Als Sahel-Syndrom wird der Ursache-Wirkungskomplex von Degradationserscheinungen bezeichnet, die bei Überschreitung des maximal möglichen nachhaltigen Ernteertrags in Regionen auftreten, in denen die natürlichen Umweltbedingungen (Klima, Böden) nur begrenzte landwirtschaftliche Nutzungen zulassen (marginale Standorte)" (WBGU, 1997).

Wasserrelevante Probleme:

• Übernutzung der Grundwasservorräte (Tiefbrunnen)

• Veränderung der regionalen Wasserbilanz durch Umwandlung von Ökosystemen (z.B. Entwaldung)

• Veränderung des Lokalklimas (Wasserhaushalt eines Einzugsgebietes)

• Verschärfung der Wasserknappheit

 

Raubbau-Syndrom

Die rücksichtslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen und die damit verbundene Umwandlung / Degradation von Ökosystemen.

Wasserrelevante Probleme:

• Absenkung des Grundwasserspiegels

• Störung des Wasserhaushalts durch Abflussveränderung

• Erhöhung der Wasserstandsvariabilität der Fließgewässer

• Erhöhung des Sedimenteintrags in Oberflächengewässer (erhöhte Bodenerosion)

• Regionaler Klimawandel

 

Landflucht-Syndrom

Verursacht aus sozio-ökonomischen Beweggründen, die Aufgabe der landwirtschaftlichen Nutzungsflächen und der Verlust traditioneller Anbauweisen sowie die Migration der (meist jüngeren) Bevölkerung aus dem ländlichen Raum in die Städte.

Wasserrelevante Probleme:

• Aufgabe von (traditionellen / nachhaltigen) Bewässerungssystemen

• Erhöhung des Sedimenteintrags in Fließgewässer

 

Dust-Bowl-Syndrom

"Mit dem Dust-bowl-Syndrom wird der Ursachenkomplex angesprochen, der Umweltschädigungen durch nicht-nachhaltige Nutzung von Böden oder Gewässern als Produktionsfaktor für Biomasse unter hohem Energie-, Kapital- und Technikeinsatz nach sich zieht" (WBGU 1997).

Wasserrelevante Probleme:

• Pestizidbelastung des Grundwassers

• Übernutzung fossiler Grundwasserressourcen

• Gewässerversauerung (Saurer Regen)

 

Katanga-Syndrom

Die Degradation bzw. Vernichtung meist großflächiger Ökosysteme durch Abbau nichterneuerbarer Ressourcen.

Wasserrelevante Probleme:

• Kontamination der Gewässer durch toxische Reststoffe

• Regionale Wasserverknappung bei wasserintensivem Abbau

• Veräderung des Abflusses

• Drastisch erhöhter Eintrag von Sedimenten

 

Massentourismus-Syndrom

Die Auswirkung des quantitativ unkoordinierten globalen Fremdenverkehrs durch Erschließung und Nutzung touristischer Infrastruktur.

Wasserrelevante Probleme:

• Erhöhter Süßwasserbedarf

• Lokale Grundwasserabsenkungen

• Lokale Abwasserbelastungen durch Konzentration touristischer Einrichtungen

• Abflussänderung auf Hangflächen

• Flugverkehr als Mitverursacher globaler Klimaveränderungen

 

Verbrannte-Erde-Syndrom

Umweltzerstörung durch militärische Nutzflächen.

Wasserrelevante Probleme:

• Kontamination der Gewässer durch toxische Altlasten

• Direkte Schadstoffeinleitungen

• Zerstörung von wasserrelevanter Infrastruktur

 

Aralsee-Syndrom

"Das Aralsee-Syndrom beschreibt die Problematik von fehlgeleiteten oder gescheiterten, zentral geplanten Großprojekten mit zielgerichteter Umgestaltung der Umwelt." (WBGU 1997).

Wasserrelevante Probleme:

• Gravierende Veränderung der lokalen Wasserbilanz

• Änderung der Sedimentdynamik

• Verschlechterung der Wasserqualität

• Erhöhte Gefahr für den Menschen durch wassergebundene Krankheitserreger

• Veränderung des Grundwasserspiegels

• Gefahr der Zunahme internationaler Konflikte um Wasser

• Versalzung und Wüstenbildung in ehemaligen Feuchtgebieten

 

Grüne-Revolution-Syndrom

Umwelt- und Entwicklungsprobleme durch Transfer standortfremder landwirtschaftlicher Produktionsmethoden.

Wasserrelevante Probleme:

• Grundwasserabsenkung

• Bodenversalzung

• Belastung der Gewässer durch Pestizide und Nährstoffe

• Gesundheitsgefährdung für den Menschen durch toxische Stoffe im Wasser

• Veränderung der lokalen Wasserbilanz

• Mögliche Nutzungskonflikte um Wasser

 

Kleine-Tiger-Syndrom

Die Vernachlässigung bzw. das Fehlen ökologischer Standards durch hochdynamisches Wirtschaftswachstum verursacht Umweltprobleme.

Wasserrelevante Probleme:

• Toxische Belastung der Oberflächengewässer

• Massive Gesundheitsgefährdung für den Menschen

• Süßwasserverknappung

• Saurer Regen

 

Favela-Syndrom

Veränderungen und Zerstörung von Ökosystemen durch ungeregelte Verstädterungsprozesse (Urbanisierung).

Wasserrelevante Probleme:

• Belastung der Gewässer mit Schadstoffen und Krankheitserregern

• Seuchengefahr durch schlechte Wasserqualität

• Veränderung der Wasserbilanz

• Übernutzung des Wasserangebots durch Tiefbrunnen

 

Suburbia-Syndrom

Veränderungen und Zerstörung von Ökosystemen durch geregelte Verstädterungsprozesse in den Stadtrandbereichen (Suburbanisierung).

Wasserrelevante Probleme:

• Hohe Pro-Kopf-Verbräuche von Wasser

• Wasserbelastung durch toxische Stoffe

• Übernutzung von Wasservorräten

• Möglichkeit von Überschwemmungen in den neuen Gebieten

 

Havarie-Syndrom

Menschlich verursachte Einzelereignisse von Umweltkatastrophen mit längerfristigen Auswirkungen auf die Umwelt.

Wasserrelevante Probleme:

• Verschmutzung durch toxische oder radioaktive Stoffe

• Wasserverknappung

• Gesundheitsgefährdung für den Menschen

• Versagen wasserbaulicher Infrastruktur

 

Hoher-Schornstein-Syndrom

"Dieses Syndrom beschreibt die Fernwirkung von stofflichen Emissionen nach Entsorgung in die Umweltmedien Wasser und Luft" (WBGU 1997).

Wasserrelevante Probleme:

• Verschmutzung der Gewässer

• Gefährdung von Ökosystemen im Meer

• Gesundheitsgefährdung durch Anreicherung von Giften in der Nahrungskette

• Sauer Regen

• Globaler Klimawandel

 

Müllkippen-Syndrom

Die Umweltbelastung durch die Entsorgung von Rest- und Abfallstoffen durch den Menschen.

Wasserrelevante Syndrome:

• Kontamination des Grundwassers

• Verknappung des Trinkwassers

• Gesundheitsgefährdung

 

Altlasten-Syndrom

Die Gefährdung der menschlichen Gesundheit und die Umweltbelastungen durch Standorte und Regionen mit akkumulierten Einträgen von Schadstoffen in Böden oder in den Untergrund.

Wasserrelevante Syndrome:

• Kontamination und Belastung des Grundwassers

 

Literatur:

WBGU (1997) = Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel: Wege zu einem nachhaltigen Umgang mit Süßwasser. Jahresbericht 1997. Springer: Berlin et al.

 

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