AG GEWÄSSER
PRAGMATISCH Ein offener Gesprächskreis als Arbeitskonzept für eine Arbeitsgruppe muss trotz des Bedarfs an Diskussion und Disputation in erster Linie strukturiert und demnach ergebnisorientiert sein, wenn ein Ziel erreicht werden soll. So wurde vereinbart, nach einem kurzen Wissenstransfer zu aktuellen Tätigkeiten und Planungen der AG-Teilnehmer, zunächst den Themenkomplex „Öffentlichkeitsarbeit“ zu bearbeiten. Hierfür wurden Einzelthemen formuliert, die während einer AG-Sitzung von einem Teilnehmer in Form von Vorträgen dargestellt wurden. Diese Arbeitsweise hat sich als sehr nützlich erwiesen, da so die Frage diskutiert werden kann, welche Anwendung ein Thema für die jeweilige praktische Arbeit hat. Die AG hat folgende Einzelthemen bearbeitet: Medien der Öffentlichkeitsarbeit (Ursula Mothes-Wagner) Eine Auswahl an Medien zur Öffentlichkeitsarbeit sollte einzelfallbezogen vorgenommen werden, d.h. je nach Betrachtung der Einzelmaßnahme bzw. des durchgeführten Einzelprojekts. Hierbei steht die Schaffung einer breiten Akzeptanz in der Bevölkerung im Vordergrund. Nach Einschätzung der AG „Gewässer pragmatisch“ scheitert die Überzeugungsarbeit häufig nicht wegen einer falschen Medienauswahl, sondern vor allem bei der sprachlichen Umsetzung zur Projektdarstellung. Die Übersetzung von Fachwörtern und planerischen Zielformulierungen erscheint als entscheidend. Dies ist auch für die Sensibilisierung zur Problemdarstellung wichtig, um aufzuzeigen, warum eine Renaturierung oder Revitalisierung durchgeführt wird. Einfache Patentrezepte lassen sich nicht finden, aber eine Empfehlung kann es sein, entsprechende Medienexperten zu Rate zu ziehen. Auch die Notwendigkeit von Effizienzkontrollen (Vorher-Nachher-Vergleich) von Maßnahmen an Gewässern kann ein Kriterium für die Überzeugungsarbeit sein. Oft fehlen nämlich schlagkräftige Argumente zur Begründung der Maßnahmendurchführung in Form von Ergebnissen aus solchen Effizienzanalysen. Sinnvoll wären Effizienzkontrollen als langfristige Monitoringprogramme, die über eine Zeitspanne von 5 Jahren deutlich hinaus reichen. Als ein weiteres Medium der Öffentlichkeits- und Überzeugungsarbeit wird von der AG „Gewässer pragmatisch“ die Informationsveranstaltung „im Gelände“, also vor Ort an der Maßnahme angesehen (Das Motto: „Tue gutes erfolgreich und rede darüber“). Hierzu sollten Akteure wie Politiker, Bürgermeister, Behördenvertreter, Unterhaltungsverbände, Interessen- und Naturschutzverbände und interessierte Bürger eingeladen werden. Ankündigungen von Vorort-Terminen können zumeist von bestehenden Pressestellen publik gemacht werden, d.h. es entstehen keine externen Kosten. Unter diese Kategorie zählen auch Vortragsveranstaltungen, die beim Landkreis Marburg-Biedenkopf (Im Lichtenholz 60, 35043 Marburg) durchgeführt werden. Klientelbeschreibung und Interessenanalysen (Herbert Diehl) Aufgrund der genannten
Mehrfachfunktionen von Gewässern existieren auch zahlreiche Akteure
am Gewässer, d.h. Personen, die nach unterschiedlichen Motivationen
gewässerbezogen handeln (Akteur = Handelnder). Bezogen auf die Öffentlichkeitsarbeit
und die Akzeptanzschaffung für das Leitbild „Naturnahe Gewässer“
ist es von besonderer Bedeutung, diese Akteure zu typisieren und ihr gewässerbezogenes
Interesse zu analysieren, damit erkannt wird, „mit wem man es zu
tun hat“. Bestimmte Teilnehmertypen (Streitlustige, Querulanten,
Schüchterne, etc.) sind bei Diskussionen allgemein beschrieben (z.B.
MEIER 2003) und man kann entsprechend methodisch darauf reagieren. Doch
die Motivation, also das zu vertretende Interesse der Handelnden erscheint
als Schlüssel zur effektiven und positiven Überzeugungsarbeit.
Hierzu wurde in der AG „Gewässer pragmatisch“ die Klientel
charakterisiert, mit denen wir am meisten am Gewässer zu tun haben.
Dann wurden im Sinne einer „Mängelliste“ entsprechende
Verbesserungsmöglichkeiten protokolliert. Das heißt, es wurde
aufgezeigt und diskutiert, wie eine intensivere und verbesserte Überzeugungsarbeit
mit den entsprechenden Vertretern geleistet werden kann. Wichtigstes Kriterium
hierzu ist die Bereitschaft zur Diskussion. Um das Leitbild „Naturnahe
Gewässer“ zu vertreten, muss unablässig mit den Akteuren
gesprochen werden. Es muss darüber hinaus Klarheit bestehen, dass
der Angesprochene als Partner angesehen wird, welcher nicht für sich
alleine steht, und dass man sich mit den jeweiligen Kompetenzen kooperativ
ergänzen kann. Zur Überzeugung stehen auch hier die Mehrfachfunktionen
von Gewässern im Hintergrund. Die Kommunen müssen erkennen,
dass es für sie eine Chance darstellt, trotz unterschiedlicher Nutzungsansprüche
an das Gewässer eine naturnahe und dynamische Entwicklung an „ihrem“
Gewässer voranzubringen. Zumal ihnen von Seiten der Fachplanungen
ein unterstützendes Projektmanagement angeboten werden kann. Legendenbildung im Alltag (Christoph Dümpelmann) Ein Phänomen in der Auseinandersetzung mit anderen Akteuren an Gewässern sind häufig wiederkehrende Verherrlichungen der Vergangenheit, die man vielleicht als „Früher-war-alles-besser“-Legenden bezeichnen kann. Innerhalb der AG Gewässer pragmatisch wurde die Frage verfolgt, wie man die fachlichen Aussagen und Fakten solcher Legenden bewerten kann, um ihnen einen Wahrheits- oder Unwahrheitsstatus zuzuordnen. Bei genauer Analyse solcher Legenden, wenn man beispielsweise Datengrundlagen recherchiert, kann man feststellen, dass es sich häufig um „falsche Wahrheiten“ handelt. So konnte Christoph Dümpelmann, der als unabhängiger Gutachter der Fischerei vom Land Hessen bestellt wird, aus seiner mehrjährigen, detaillierten Fisch-Fangstatistik nachweisen, dass die Aussage „die Fischfänge in der Lahn sind zurückgegangen“ (also gibt es auch weniger Fische) zu revidieren ist. Das heißt, ein Rückgang ist nicht zu verzeichnen, denn der Trend ist gleichbleibend. Offensichtlich scheint sich eine Selbsttäuschung fortzupflanzen. Für die Überzeugungsarbeit belegt das Thema Legendenbildung aus Sicht der AG „Gewässer pragmatisch“ eindeutig die Notwendigkeit von Effizienzkontrollen und Monitoringprogrammen an unseren Gewässern. Anhand konkreter Daten können Empfindungen von Akteuren überprüft und ggf. revidiert werden. Und das ist für die Umsetzung des Leitbildes Naturnahe Gewässer eine Schlüsselfunktion in der akzeptanzschaffenden Öffentlichkeitsarbeit. Moderation: Techniken und Methoden (Martin Reiss) Die Kenntnis und Methodenkompetenz von Moderationstechniken ist für die Öffentlichkeitsarbeit unablässig. Mit Hilfe der Moderation können Gespräche zu einem Ergebnis geführt werden, d.h. trotz gegensätzlicher Meinungen in Gruppen Lösungsansätze zu Problemauflösungen gefunden werden. Es können aber auch Interessenkonflikte dargestellt werden und in weiteren Prozessen einer Konfliktlösung näher geführt werden. Moderation ist eine Form der Gesprächsführung und eine Möglichkeit des Konfliktmanagements. Hierzu reichen je nach Einzelfall bereits einfache Methoden und Techniken der Moderation, die schnell zu erlernen sind. In der Praxis besteht eine direkte Verknüpfung zu den Themen „Klientelbeschreibung und Interessenanalysen“ und „Legendenbildung“, die eine wichtige Grundlagenkenntnis voraussetzen, um Gespräche entsprechend zu lenken. Vor allem zur Verbesserung der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Interessenvertretern kann die bewusste Anwendung von Moderationsmethoden oft zu einer erheblichen Effizienz führen. Aus Sicht der AG „Gewässer pragmatisch“ ist dies ein besonders defizitärer Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, zumal offensichtlich Handlungsbedarf angesichts der Forderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) besteht. Die Bewältigung der Beteiligung der Öffentlichkeit zur nationalen Umsetzung fachlicher Anforderungen aus der EU-WRRL wird das Thema Moderation auf den Plan rufen, da entsprechende Dialoge gefordert werden. Dass sich Akteure am Gewässer mit einer hinreichenden Methodenkompetenz ausstatten, erscheint ratsam und zweckmäßig. Auch innerhalb der Arbeitsgruppe erfolgt zur strukturierten Erarbeitung der Einzelthemen eine moderierte Gesprächsführung. Ergebnisse der Diskussionen werden in Sitzungsprotokollen festgehalten und bieten so einen Ansatzpunkt für die folgenden Arbeitsschritte in der AG. Kooperationen und Transfer mit der Wissenschaft Eine weitere
AG-Sitzung wurde dem Thema „Themen zu wissenschaftlichen Projekten
und Arbeiten“ gewidmet. Hierzu wurden mit Prof. Dr. Christian Opp
vom Fachbereich Geographie der Philipps-Universität mögliche
Kooperationen besprochen. Hierbei hat die AG „Gewässer pragmatisch“
eine Liste „potentieller Themen für Diplom- und Examensarbeiten“
zusammengetragen. Es ist zu betonen, dass die Ausrichtung solcher Arbeitsthemen
in besonderem Maße anwendungs- und praxisorientiert ist. Die Klammer
bildet hierbei der Wunsch der AG-Teilnehmer, entsprechend geplante und
ausgeführte Projekte wissenschaftlich fundiert begleitet zu wissen.
Vor allem hydrologisch-hydraulische, hydromorphologische, bodenkundliche,
artenschutzbezogene und planerisch-gestalterische Aspekte stehen im Vordergrund
des Interesses. Hervorzuheben ist die Notwendigkeit einer gebündelten
(synoptischen) Analyse und Bewertung zahlreicher Einzelmaßnahmen
im Lahneinzugsgebiet, insbesondere an den bedeutenden Zuflüssen im
oberen und mittleren Einzugsgebiet. Ansätze zur Umsetzung solcher
wissenschaftlichen Projekte liegen vor (AUENZENTRUM HESSEN 1998; REISS
2003) und bedürften lediglich einer einzugsgebietsbezogenen standardisiert-methodischen
Zusammenfassung (Erprobung und Erarbeitung) bei Bereitstellung notwendiger
finanzieller Projektzuwendungen. Hinsichtlich der Überprüfung
der ökologischen und ökonomischen Effizienz von Renaturierungs-
und Revitalisierungsprojekten an Gewässern unter Einbindung der Fachthemen
Hochwasserschutz und naturschutzfachlicher Gewässerschutz ein zwingend
anstehendes Projekt, das unter Einbeziehung der Anforderungen der Umsetzung
der EU-WRRL als Modellvorhaben dienen könnte. Die AG „Gewässer
pragmatisch“ als Netzwerk und Mittler von Multiplikatoren würde
sich in idealer Weise anbieten. |